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Archive für 1.10.2009
Wohlstand ohne Wachstum
1.10.2009 von M.Musil.
Greenpeace-Magazin 5.09
Von Niko Paech
Welche Reaktionen würde wohl die Ankündigung eines Automobilherstellers
auslösen, demnächst ein Fahrzeug ohne Rückwärtsgang und Bremse produzieren
zu wollen? Vermutlich Gelächter. Oder Kopfschütteln. Komisch, dass eine
solche Reaktion nicht auch den meisten Ökonomen und Wirtschaftspolitikern
entgegengebracht wird. Denn dieselbe Absurdität liegt dem üblichen
volkswirtschaftlichen Denken zugrunde; mehr noch: Das ganze
Entwicklungsschema moderner Gesellschaften basiert auf der Grundannahme,
Fortschritt sei ausschließlich ein Akt der Addition und nur bei ständigem
Wachstum möglich.
Selbst die Nachhaltigkeitsdiskussion kurvt in diesem Fahrwasser. Dank
technischer Innovationen, so das ständig rezitierte Mantra, könne man
Wirtschaftswachs- tum von Ressourcenverbrauch und Umweltschäden ab_
koppeln.
Die Bündnisgrünen ziehen mit einem “Green New Deal” in den Wahlkampf:
Anstrengungen etwa im Klimaschutz - so ihr Versprechen - würden die
deutsche
Industrie auf wachsenden Zukunftsmärkten positionieren. Doch eine solche
Nachhaltigkeitsdiskussion immunisiert die vorherrschenden Lebensstile gegen
jede Mäßigung. Nicht das exzessive Wechselspiel zwischen Fremdversorgung
und
Selbstverwirklichung als solches wird hinterfragt, sondern nur dessen
Objekte - der Durst nach immer mehr soll künftig bloß durch “bessere”
Produkte oder Dienstleistungen befriedigt werden. So wird sogar die
Nachhaltigkeit zu einem Wachstumsstimulus, denn irgendetwas findet sich
immer, das durch additive Maßnahmen zu reparieren oder zu verbessern wäre -
und wenn es die Umwelt ist… Aber diese Rechnung geht nicht mehr auf.
Warum?
Eine Entkoppelung von wirtschaftlichem, in Geld gemessenem Wachstum und
Ressourcenverbrauch ist schlicht und einfach nicht in Sicht. Der Grund ist
das, was Experten Bumerangeffekt’ oder Reboundeffekt” nennen: Einsparungen
-beim Material- oder Energieverbrauch bei der Herstellung eines Produkts
werden regelmäßig dadurch (über-)kompensiert, dass die Gesamtzahl der
produzierten Güter steigt. Forschungen beispielsweise des renommierten
Global Carbon Project belegen zweierlei: Erstens sorgte selbst in Phasen
während der 8c>er- und goer-Jahre, in denen eine leichte Entkoppelung
feststellbar war, ökonomisches Wachstum dafür, dass die globalen
CO.,-Emissionen permanent zunahmen. Und zweitens steigt die CO”-Intensität
der Wertschöpfung im weltweiten Maßstab neuerdings sogar wieder an!
In der sogenannten Glücksforschung gilt es mittlerweile als erwiesen, dass
eine Steigerung des materiellen Reichtums ab einem bestimmten Niveau das
subjektive Wohlbefinden nicht weiter erhöht. Gerade in den Industrieländern
sind viele Konsumaktivitäten nur noch symbolischer Art, sie zielen auf
soziales Prestige und sollen die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe
oder Szene” sicherstellen. Die Industrie schafft ständig neue Angebote der
materiellen Selbstinszenierung, die - durch Werbung angefeuert - von
Pionieren aufgegriffen werden. Wer dabei nicht mitzieht, verliert den
Anschluss und riskiert den Ausschluss, etwa im Kreise von Kollegen oder
Nachbarn.
Folglich ist ein immer höherer Konsumaufwand nötig, um die soziale
Integration zu verteidigen. Weil die Zahl der Konsumoptionen geradezu
explodiert, der Tag aber nach wie vor nur 24 Stunden hat, wird die minimal
erforderliche Zeit zum Ausschöpfen konsumtiver Optionen zum Engpassfaktor -
der Genuss am jeweils Neuen wird immer kürzer. So kommt es zu stetig
expandierendem Konsum bei stagnierendem Glück.
Auch die ökonomischen Grundlagen des Wachstums erodieren, weil dem
Wohlstandsapparat der Treibstoff ausgeht. Die westlichen
Konsumgesellschaften basierten nie auf etwas anderem als der unbegrenzten
Verfügbarkeit fossiler Energieträger bei minimalen Kosten. Dieser
Grundirrtum unseres Lebensstils wird offensichtlich und für die ganze Welt
bedrohlich, seit die globale Mittelschicht um circa 1,2 Milliarden “neue
Konsumenten” in Aufsteigernationen wie China oder Indien gewachsen ist. Nun
explodieren die ökologischen Kosten, die Begrenztheit der Ressourcen wird
für alle zum Problem. Was vor kurzem noch ” Peak Oil” hieß, hat sich zum
“Peak Everything” gemausert.
Der Weg in eine bescheidenere, aber krisensichere Versorgung durchläuft
fünf
Stationen.
Erstens geht es darum, unser Leben zu entrümpeln und zu entschleunigen.
Pures Auswechseln bisheriger Konsumlösungen gegen vermeintlich
nachhaltigere
Varianten reicht nicht im Entferntesten. Nur eine Rückführung von
Konsumansprüchen auf ein Niveau, das wirklich nachhaltig befriedigt werden
kann, bietet Lösungen. Das neue Ziel ist Suffizienz (von lat. sufficere -
genügen, ausreichen). Erstrebt werden sollte nicht mehr eine Steigerung von
Güterwohlstand und Komfort. Gestellt werden Fragen wie diese: Von welchen
Energiesklaven, Konsum- und Komfortkrücken kann ich mich (und die
Gesellschaft als Ganzes sich) befreien? Ist es nicht ökonomische Logik in
Reinform, jenen Ballast abzuwerfen, der Zeit, Geld, Raum und ökologische
Ressourcen beansprucht, aber nur minimalen Nutzen stiftet?
Zweitens wird eine neue Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung
benötigt. Das jetzige Konsummodell der Globalisierung ist dauerhaft nicht
finanzierbar. Wer sich davon abhängig macht, Waren des täglichen Bedarfs
von
anderen zu kaufen, muss damit rechnen, zum “Globalisierungsopfer” zu
werden,
wenn die Geld speiende Wachstumsmaschine ins Stocken gerät, Preise steigen,
Löhne sinken oder Firmen schließen. Sozial stabiler sind
Versorgungsstrukturen mit geringerer Distanz zwischen Verbrauch und
Produktion. Dazu zählt die Reaktivierung von Kompetenzen, manuell und kraft
eigener Fertigkeiten Bedürfnisse ohne kommerzielle Märkte zu befriedigen.
Zur praktischen Umsetzung dieser Einsicht gibt es viele Ansätze: Verkürzung
der (Lohn-)Arbeitszeit zur Steigerung der Eigenversorgung,
Community-Gärten,
Tauschringe, Netzwerke der Nachbarschaftshilfe, Verschenkmärkte,
Einrichtungen zur Gemeinschaftsnutzung von Geräten/Werkzeugen - all dies
würde zu einer graduellen De-Globalisierung verhelfen und am Ende auch
weniger Energie und Ressourcen verbrauchen. Salopp gesagt: Wir müssen
Produkte länger nutzen, sie reparieren und pflegen und sie lieber gebraucht
kaufen als neu. Wir müssen Knöpfe selber annähen und Fahrräder eigenhändig
reparieren - und wieso soll das eigentlich keinen Spaß machen?
Daran knüpft Punkt drei an, eine stärkere Regionalökonomie: Viele
Bedürfnisse ließen sich auch durch regionale Märkte und verkürzte
Wertschöpfungsketten befriedigen. Regionalwährungen könnten Kaufkraft an
die
Region binden und damit von globalisierten Transaktionen abkoppeln. So
würden die Effizienzvorteile einer geldbasierten Arbeitsteilung weiterhin
genutzt, aber innerhalb eines ökologieverträglicheren und
krisenresistenteren Rahmens.
Viertens: Auch wenn alle Potenziale an Suffizienz, Selbst- und
Regionalversorgung ausgeschöpft sind, verbleiben Konsumansprüche, die sich
nur mittels industriell und arbeitsteilig produzierter Güter befriedigen
lassen. Das hierfür benötigte Industriesystem aber wäre nicht lediglich
kleiner als das heutige, sondern müsste ebenso wie unser Leben deutlich
entschleunigt werden: Produkte und Infrastrukturen könnten durch
Nutzungsdauerverlängerung oder Nutzungsintensivierung so optimiert werden,
dass ohne zusätzliche materielle Produktion Werte geschaffen werden.
Fünftens sind grundsätzliche institutionelle Maßnahmen nötig, nämlich
zunächst eine Boden- und Geldreform, mit denen die jetzigen
systemimmanenten
Wachstumszwänge des Kapitalismus gemildert werden. Die erwähnten
Regionalwährungen könnten mit einer zinslosen Umlaufsicherung versehen
werden - so entfiele der Zwang, dass jede Investition immer mehr Geld zu
erwirtschaften hat als eingesetzt wird. Sinnvoll wäre es auch, den Ausstoß
an Treibhausgasen staatlich zu begrenzen und auf die Individuen umzulegen:
jede Person hätte ein Anrecht auf dasselbe Emissionskontingent, Guthaben
und
Schulden auf solchen CO2-Konten können untereinander tranferiert werden
(siehe Greenpeace Magazin 2.07). Die Summe aller Kontingente dürfte
höchstens der globalen Gesamtbelastung entsprechen, die mit der Einhaltung
des Zwei-Grad-Klimaschutzziels vereinbar wäre.
Sie halten all das für Fantasterei oder ferne Zukunftsmusik? Mal schauen.
Das gegenwärtige Modell einer Wachstumsökonomie wird jedenfalls in zehn bis
zwanzig Jahren unausweichlich an seine Grenzen stoßen.
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