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Archive für 16.9.2010
Be- und Verdrossenheit
16.9.2010 von M.Musil.
Wer meint, den Begriff Bedrossenheit gäbe es nicht, hat Recht.
Das Verb (sich) bedrossen, gibt es allerdings. Es entstammt dem frühen Neuhochdeutsch und ist eine Bezeichnung für “unflätige Besudelung”.Kein Wunder, dass - wer sich unflätig besudelt vorkommt - aus der Bedrossenheit, von der er betroffen ist, in eine Verdrossenheit fällt, also in einen Ärger über den Zustand, in dem er sich befindet und über den oder die Täter, die er dafür verantwortlich macht.Eine Überlegung, die zu dem Wort “Politikverdrossenheit” eine neue, hochinteressante Deutungsmöglichkeit eröffnet.
• Wenn bei der angeblich wichtigsten Aussprache des Jahres, der alljährlichen Haushaltsdebatte des Deutschen Bundestages, im Plenarsaal des Reichtags nur wenige Reihen besetzt sind, weil ein großer Teil der Parlamentarier glaubt, dieses Geschwätz ginge sie, nachdem sie den Redner der eigenen Partei ausführlich beklatscht und den Hauptredner der Gegenseite mit Zwischenrufen hinreichend genervt haben, nichts mehr an,
• wenn die wenigen Anwesenden sich dann auch noch nach Kräften mühen, auf keinen Fall den Anschein zu erwecken, sie schenkten den Reden des politischen Gegners auch nur das geringste Quäntchen Gehör,
• dann ist es irgendwie ungeheuerlich, wenn sich dieselben Volksvertreter bei jeder Gelegenheit über das mangelnde politische Interesse des Volkes beklagen.
Ich fühle mich dann jedenfalls bedrossen. Doch von dem Verdruss und dem Zorn, der einen beschleicht, wenn man eine solche Debatte live verfolgt, bleibt nichts übrig, wenn man anschließend die kurzen Zusammenschnitte sieht, die von der GEZ-finanzierten Hofberichterstattung dargeboten werden.Da stehen dann zwei der unwichtigsten Sätze von Sigmar Gabriel neben einem kurzen Ausschnitt aus dem “Weihnachtsansprachen-Teil” der ansonsten furiosen (kommt von Furie) Rede Merkels. Gregor Gysi wird kurz eingeblendet und sein von der Redaktion mit Bedacht ausgewählter Satz anschließend vom Kommentator wohlwollend durch den Kakao gezogen. Trittins geschliffene Rede wird auf zwei Halbsätze reduziert - und Kommentatoren und Kommentatorinnen reden das Trauerspiel “gelebter Parlamentarismus” zum Gipfel der Demokratie hoch.
So wie die Masse der Polit-Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften auch. Leider haben die meisten berufstätigen Menschen keine Gelegenheit, Bundestagsdebatten live zu verfolgen - und diejenigen, welche die Gelegenheit hätten, nehmen sie zumeist nicht wahr.Sie hätten Volker Kauder hören sollen, die autonome, atomstromgetriebene Freisprecheinrichtung der CDU. Er stellte sich ans Rednerpult, warf den Phrasengenerator an und schwadronierte drauf los. Eigenlob und Attacke, vollkommen abgehoben, nichts Konkretes dabei, nur der wortreiche Versuch, den politischen Gegner zu diffamieren und die eigenen Parteifreunde in den christlich-demokratischen Himmel zu loben.Ich kann Ihnen sagen. Da kommt Bedrossenheit auf.Frau Homburg, eifernd bemüht, Frau Merkel in Stimmgewalt und Angriffslust noch zu übertreffen, schrammte mit ihrem Vortrag permanent an der Grenze zwischen “noch reden” und “schon kreischen” entlang, ignorierte wichtige Aussagen der Vorredner so vollständig, als hätte sie die Debatte bis zum eigenen Auftritt im Tiefschlaf verbracht, und leitete damit über, zu jenem unerträglichen Teil der Debatte, in dem die direkten Vordermänner der Hinterbänkler ihre holprig zusammengezimmerten Texte, mühsam vom Blatt ablesend, den Mikrofonen, der Lautsprecheranlage und den Bundestagsstenografen übermittelten - und diese Mikrofone, die Lautsprecheranlage und die Stenografen verdienen für die einwandfreie Haltung, in der sie diese Geduldsprobe überstanden haben, höchste Anerkennung.
Der vollständige Artikel findet sich unter http://www.egon-w-kreutzer.de/0PaD2010/37.html
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